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Landwirtschaft in Lutzhorn im Wandel der Zeit

Lutzhorn ist ein Dorf auf der Geest. Damit gehört es zu dem Landschaftsbereich, der bereits im Hochmittelalter, also vor über 800 Jahren, Kernsiedlungsgebiet der Sachsen in Holstein war. Die Erschließung dieses Gebietes erfolgte Schritt für Schritt nach den Erfordernissen und Möglichkeiten der Bewohner.

Ursprünglich wurden Acker- Weideflächen von den Bauern gemeinsam genutzt. Bis in alle Einzelheiten unterlag diese Wirtschaftsweise gemeinsamer Beschlüsse. Die Hufner hatten lediglich Nutzungs- aber kein Eigentumsrecht. Diese mittelalterliche genossenschaftliche Bewirtschaftung brachte mit zunehmender Besiedlungsdichte erhebliche Nachteile.

Die Zahl der Nutznießer nahm zu, die Flächen und Ressourcen je Einwohner wurden knapper. Folglich nahmen die Auseinandersetzungen zu.

Die Gemarkung Lutzhorn wurde nur zu 50 % genutzt. Der übrige Teil waren Heide, Moore, Gewässer, Wege und Hofstellen. Die Verkoppelung (Einzäunung) setzte ein. Zwecks privater Nutzung einer Fläche musste bei der Administrator ein Antrag gestellt werden. Wenn nichts dagegen sprach, wurde die Fläche bzw. „Koppel“ zugeteilt. Es musste hierfür einmalig ein Ankaufgeld, Vermessungskosten, eine Verwaltungsgebühr und eine jährliche Grundhäuer gezahlt werden. Insbesondere Ackerland in Hofnähe wurden nachgefragt. Weideland bleib dagegen bis Ende des 18. Jahrhunderts in gemeinsamer Nutzung „Allmende“. Hirten mit Kuh- und Schafherden gehörten zum Landschaftsbild jener Zeit. Die großen Gras-, Heide- und Moorflächen wurden häufig dorfübergreifend benutzt. Grundsätzlich war es so, dass unurbares Land als landesherrliches Eigentum angesehen wurde. Gegen Bezahlung einer entsprechenden Abgabe konnte jeder Einwohner Landflächen erwerben. Die Aufteilung der Flächen verlief zögerlich. Erst nach der Verkoppelungsverordnung von 1771 durch den Staat (Dänemark), nahm der Aufteilungsprozess einen beschleunigten Fortgang. Die Intensität der Aufteilung war in der Zeit zwischen 1775 und 1795 am größten. Die letzten Heideflächen wurden erst im Jahre 1803 aufgeteilt, es waren immerhin noch 734 ha. In den Jahrhunderten davor gab es immer wieder Streit um die Schafhaltung und den Schafsmist, der für die Düngung sehr begehrt war. Mit der Aufteilung der letzten Gemeindeflächen erledigte sich dieses Problem. Die Aufteilung der 734 ha erfolgte nach der Bonität, wobei auch zur Hälfte die Hauszahl und zur anderen Hälfte die Hufezahl berücksichtigt wurden.

Lutzhorner Schafbestände 1691: 490 Stück, 1699: 300 Stück, 1728: 500 Stück, 1763: 1.989 Stück, 1825: 623 Stück, 1867: 698 Stück, 1910: 1 Schaf

Im Jahre 1803 gab es in Lutzhorn 3 Vollhufner, 3 Halbhufner, 7 Viertelhufner, 4 Achtehufner, 5 1/16 Hufner, 26 1/24 Hufner, 2 1/48 Hufner. Ein Vollhufner bewirtschaftete zirka 70 ha Land in ortsüblicher Güte.

Für die Bauern auf der Geest spielte die Produktion für den Markt bis Mitte des 19. Jahrhunderts kaum eine Rolle; man produzierte in der Hauptsache für den eigenen Bedarf. Lediglich Torf und Brennholz ließen sich in der Marsch und in der Stadt verkaufen. Die landwirtschaftliche Fläche wurde zu 2/3 als Ackerland und 1/3 als Grünland genutzt. Das Ackerland wurde überwiegend mit Roggen, im geringeren Teil mit Buchweizen und Hafer bestellt. Die Erträge waren gering. Man erntete bei Roggen ca. das 3,5-fache der Aussaat, bei Buchweizen das 4,5-fache der Aussaat. Bei Hafer war es manchmal nur wenig mehr als die Aussaat. Das Ackerland wurde gedüngt mit Plaggenmist, der aus Mist und Plaggen bestand. Die Plaggen (Soden) wurden durch abplaggen der Grasnarbe gewonnen, welches dem Grünland sehr schadete und wovon es sich erst nach Jahren wieder erholte.

Lutzhorn hatte im Jahre 1825 520 Einwohner. Der Viehbestand betrug im gleichen Jahr 143 Milchkühe, 67 Jungvieh, 103 Pferde, 623 Schafe, 14 Schweine und 200 Bienenstöcke. Durch den Einsatz von Mergel und Handelsdünger „Guano“ verbesserten sich die Möglichkeiten der Landwirtschaft. Dazu kam die einsetzende Mechanisierung. Die Entstehung und Verbesserung der Transportmöglichkeiten durch Eisenbahnverbindungen der Städte erhöhte die Mobilität der landwirtschaftlichen Produkte und deren Bedarfsgüter. Durch die entstehende Industriealisierung und Zunahme der Bevölkerung erhöhte sich die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten. Der Einsatz von Mergel und Handelsdünger erhöhte die Fruchtbarkeit der Böden. Die Fruchtfolge weitete sich aus. Es wurden jetzt Roggen, Hafer, Rüben, Kartoffeln, Kohl, Wurzeln usw. angebaut. Der Buchweizen wurde immer mehr aus der Fruchtfolge verdrängt. Besonders die Kartoffel als Massennahrungsmittel gewann an Bedeutung. Die steigende Kaufkraft der Bevölkerung erhöhte den Fleischkonsum. Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Schweinemast sprunghaft an. Begünstigt wurde dies durch den Zukauf von Gerste aus Russland und den Einsatz der Kartoffel als Schweinefutter. Der zusätzliche Schweinemist erhöhte die Ertragskraft der Böden.

Durch die Erfindung der Zentrifuge konnte man die Milch in Rahm und Magermilch trennen. Weiterer wichtiger Punkt war die Pasteurisierung der Milch. Dadurch konnte die Milch haltbarer gemacht werden und konnte so längere Transporte überstehen. Die Milchviehhaltung setzte sich immer mehr durch.

Die Zahl der Milchkühe in Lutzhorn betrug um 1825 143 Stück, 1854 207 Stück, 1907 500 Stück, 1931 872 Stück, 1949 837 Stück, 1956 916 Stück, 1979 1.249 Stück, 1990 1.161 Stück.

Im Jahre 1891 wurde in Lutzhorn ein Meierei- und Müllereigebäude erstellt. Es handelte sich um eine genossenschaftliche Einrichtung. Die Genossenschaft zählte 43 Mitglieder; es wurde überwiegend Butter produziert. Für ein Kilo Butter wurden 26,36 Kilo Milch benötigt. Die Magermilch wurde verfüttert. Kraftquelle der Meierei und Müllerei war eine Dampfmaschine. Die Meierei wurde bis zum Jahre 1934 betrieben. Danach wurde die Milch wieder zur Meierei in Barmstedt geliefert.

Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts war der Kreis Pinneberg eine Hochburg der Schweinemast. Im Jahr 1910 wurden im Kreis Pinneberg 180.000 Schweine registriert, wovon in Lutzhorn 4.765 Stück gezählt wurden. Dieser Tatbestand und die Entwicklung der Rindviehhaltung trugen erheblich zur Steigerung des Wohlstandes bei. Es wurden in dieser Zeit sogar flächenstarke Betriebe geteilt und somit neue Existenzen gegründet. Diese Zeit ist durch eine rege Bautätigkeit von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden geprägt, die man noch heute am damaligen Baustil erkennen kann.

Durch die Urbarmachung der Heideflächen (Tiefenumbruch und Mergelung) wurden neue Flächen in die Bewirtschaftung genommen. Der Einsatz von Mergel (kalkhaltige Tonerde) brachte erhebliche Mehrerträge. Der Mergel für die Lutzhorner Böden wurde mit Ausnahme einiger örtlicher Mergelkuhlen im Raum Bad Bramstedt gewonnen. Die Gemeinde Lutzhorn schloss sich im Mai 1913 dem Mergelverband Bad Bramstedt und Umgebung an. Später bezog man den Mergel überwiegend aus Kl. Offenseth. Hier wurde der Mergel in ausreichender Qualität abgebaut und mittels einer extra verlegten Feldbahn in die nähere Umgebung transportiert. Die Gleise gingen über Lutzhorn bis nach Lentföhrden mit verschiedenen Abzweigungen. Auf dem Flurstück „Brotacker“ wurde ein Verschiebebahnhof eingerichtet. Seinen Höhepunkt hatte die Mergelung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Danach wurde der Mergel durch Kalk und Mineraldünger ersetzt.

Anfang des 20. Jahrhunderts gründete sich die Lichtgemeinschaft Lutzhorn, in der sich überwiegend Bauern zur Erzeugung und Nutzung von Strom zusammenfanden. Die Möglichkeit ergab sich durch das Vorhandensein der Dampfmaschine in der Müller- und Meierei. Später wurde die Dampfmaschine durch einen Dieselmotor ersetzt. Der Strom wurde über eine Batterie bei 110 Volt an die Verbraucher abgegeben. Nach dem 1. Weltkrieg wurde die dörfliche Stromerzeugungsgenossenschaft überwiegend aufgelöst. Durch Beschluss der Gemeindevertretung vom 28. 2. 1919 wurde Lutzhorn in den nachfolgenden Jahren durch die Überlandzentrale von der Fa. Metzger, Pinneberg, mit Elektrizität versorgt. Die Lichtgemeinschaft bestand als Organisationsform weiterhin. Erst 1944 wurde sie auf höhere Anordnung liquidiert – als das Leitungsnetz von der Schl.-Holst. Stromversorgungs-AG übernommen wurde.

Um die Jahrhundertwende gründeten sich Kartoffeldämpfgemeinschaften. Die Kartoffeldämpfanlage wurde von Hof zu Hof transportiert. Nach der Kartoffelernte oder im Frühjahr, wenn die Kartoffeln aus der Miete ausgelagert wurden, wurden sie mit Hilfe von Wasserdampf gekocht, anschließend einsiliert und später an die Schweine gefüttert. Diese Anlage wurden über Jahrzehnte bis ca. 1970 genutzt.

Die Zeit vom Beginn des 1. Weltkrieges bis 1923 war durch eine starke Inflation geprägt. Allein in den Kriegsjahren 1914 – 1918 betrug der Kaufkraftverlust 50 %. Im Jahre 1923 kam es zur Währungsreform. Eine Billion Papiermark entsprach nur einer Rentenmark. 1924 wurde die neue Reichsmark eingeführt. Die deutsche Wirtschaft erlebte bis zur Weltwirtschaftskrise 1927 – 1932 einen kleinen Aufschwung. In der Zeit der Weltwirtschaftskrise kam es zu einer hohen Arbeitslosigkeit, ca. 6 Millionen Arbeitslose. Durch die hohe Arbeitslosigkeit kam es zu einem erheblichen Kaufkraftverlust. Auch die Bauern konnten ihre Produkte schlecht verkaufen. Es kam zu starken Preiseinbrüchen und zu einer Überschuldung der Landwirtschaft. In den Jahren nach 1933 wurde die nationalsozialistische Marktordnung eingeführt. Dieses bedeutete für die Landwirtschaft in zunehmendem Maße festgesetzte Preise, Anbauverpflichtungen und Ablieferungsverpflichtung. Der Anbau und die Verteilung der landwirtschaftlichen Produkte und deren Bedarfsgüter unterlag der Kontrolle des Reichsnährstandes.

Nach der Währungsreform 1948 begann der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung in der Bundesrepublik. Deutschland-West wurde zum Wirtschaftswunderland. Die Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft wanderten ab in die Industrie. Die Löhne und Gehälter stiegen, und die Arbeitsbedingungen verbesserten sich. Da konnte die Landwirtschaft nicht mithalten.

In der Landwirtschaft musste die menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzt werden. Waren Maschinen und Geräte bis dato den Pferdegespannen angepasst, diente die neue Schleppergeneration als „Schlüsselmaschine“. Maschinen und Geräte kosteten viel Geld. Im Jahre 1957 beschlossen 11 Lutzhorner Landwirte die Gründung einer Maschinengenossenschaft. Es wurden gemeinsam Maschinen angeschafft und unterhalten. Man versprach sich davon eine bessere Auslastung der Maschinen und Geräte und somit eine Senkung der Arbeitskosten. Später wurde die Maschinengenossenschaft in eine Maschinengemeinschaft umgewandelt. Die Maschinengemeinschaft besteht mit 36 Mitgliedern bis heute.

Die ersten Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg waren wieder durch starken Kartoffelanbau geprägt. Es wurden Speise- und Futterkartoffeln angebaut und Saatgutvermehrung betrieben. Auch die Schweinemast spielt wieder eine große Rolle.

In den sechziger Jahren entwickelte sich mit steigender Tendenz die Milchviehhaltung. Begünstigt wurde dies durch den Einsatz der Melkmaschinen. Auf den Feldern tauchte der Mais als Futterpflanze auf. Der Mais, durch Züchtung an den Standort angepasst, hatte viele Vorteile. Er ist in der Fruchtfolge selbstverträglich, stellt geringe Ansprüche an den Boden und bringt einen hohen Ertrag bei hoher Energiedichte. Der Anbau lässt sich voll mechanisieren und durch die in den sechziger Jahren entwickelte Silofolie gut konservieren. Währen dieser Zeit ging der Kartoffel- und Rübenanbau stark zurück. Selbst die Schweinmast verlor immer mehr an Bedeutung. Der Schwerpunkt der Produktion verlagerte sich auf die Milchviehhaltung und die Rindermast.

Der Sommer 1976 war derart trocken, dass kaum Futtervorräte für den Winter geborgen werden konnte. Es wurde über den Bauernverband die große „Strohaktion“ gebildet. In der Getreideerntezeit fuhr täglich eine Gruppe, 3 – 6 Personen, nach Ostholstein „Gut Weißenhaus“, um dort Strohballen vom Feld zum Strohdiemen zu fahren und zu stapeln. Es wurden ca. 48.000 Strohballen gestapelt und anschließend mit Hilfe der Bundeswehr auf Bundeswehrfahrzeuge, Bundesbahnwaggon und LKW verladen und nach Lutzhorn bzw. Bahnhof Dauenhof transportiert und an die an der Aktion Beteiligten verteilt. Somit konnte das Vieh über den Winter gebracht werden.

Von 1976 – 1992 fand in Lutzhorn eine Flurbereinigung statt. Es handelte sich hierbei um eine Flurbereinigung der Stufe 1 mit freiwilligem Landaustausch. Im Rahmen dieser Maßnahme wurden in Lutzhorn 22,2 km Wirtschaftswege ausgebaut bzw. neu gebaut. Es handelt sich hierbei um 17,9 km Betonspurbahn, 3,6 km Kieswege und 0,7 km Straße mit Schwarzdecke. Dadurch konnte man Felder und Wiesen schneller und zu jeder Jahreszeit erreichen.

Seit Gründung der Europäischen Gemeinschaft im Jahre 1957 wurden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft immer mehr aus Brüssel vorgegeben. Dieses brachte zeitweise große Veränderungen mit sich. 1984 führte man die Milchquotenregelung ein. Ziel war es, die erheblichen Überschüsse der Milch abzubauen. 1993 wurde die Senkung der Rindfleisch- und Getreidepreise beschlossen. Bei Getreide betrug die Preissenkung ca. 50 %. Als Preisausgleich für männliche Rinder und Mutterkühe gibt es eine Sonder- und Mutterkuhprämie. Für die Senkung des Getreidepreises wurde die Flächenprämie eingeführt. Diese Beschlüsse wurden fortlaufend modifiziert. Im Jahre 2003 wurde wieder eine Reform beschlossen, bei der die produktionsbezogenen Zahlungen ab 2005 nach einer Übergangsfrist bis 2013 auf eine flächenbezogene Ausgleichszahlung umgewandelt werden soll.

Fährt man heute während der Vegetationszeit durch die Gemeinde Lutzhorn, erkennt man auf den Ackerflächen Baumschulkulturen, Silomais, Roggen, Triticale, Weizen, Gerste, Hafer und zunehmend Raps. Kartoffeln werden nur noch von 2 landwirtschaftlichen Betrieben angebaut.

Die Mehrzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Lutzhorn hält Milchkühe und Mastrinder. Mit steigender Tendenz nimmt die Pferdehaltung zum Zwecke der Sport- und Freizeitgestaltung auf den Resthöfen zu. Des weiteren gibt es noch 3 Betriebe, die Schweine halten und 2 Betriebe mit Schafhaltung.

Die letzten Jahrzehnte wurde auch die Landwirtschaft in Lutzhorn durch einen ständigen Strukturwandel begleitet. Viele Bauern gaben die Landwirtschaft ganz oder teilweise auf; es wird Landwirtschaft im Nebenerwerb, Zuerwerb und Vollerwerb betrieben.

Während der Zeit der Flugplatzplanung vor 1970 wurden 4 Bauernhöfe an die Flughafengesellschaft verkauft, 2 Hofstellen wurden abgebrochen, 2 sind vermietet und die Flächen an Landwirte verpachtet.

 

Quelle: Hans-Otto Mohr